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Die Legende des hl. Affen von Tours

Im Jahre 1184 brachte der Vizegraf Roger von Trencavel dem Bischof von Tours aus dem heiligen Land einen Affen mit. Der Bischof, keineswegs erfreut über das ungewöhnliche Geschenk, betrachtete das Tier zunächst als eine Ausgeburt der Hölle, "erschaffen vom Teufel, der mit dieser Kreatur Gottes höchste Schöpfung, den Menschen, verspotten wolle" und erwog, den Affen kurzerhand auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Dieser jedoch entwischte und zeigte dem Bischof und der weltlichen Gewalt seinen nackten Hintern, indem er flugs die Kathedrale bis zum Dach erklomm. Dort blieb er regungslos sitzen, so daß man annahm, Gott habe die schreckliche Kreatur zur Strafe in einen Wasserspeier verwandelt.

Fresko des Affen an der Außenwand
der Kathedrale von Tours

In der Nacht brach jedoch eine schreckliche Feuersbrunst in der Stadt aus, die der Affe von seinem hohen Standpunkt aus als einziger bemerkte. Kurzerhand kletterte er vom Kirchturm herunter und weckte mit gesträubtem Fell und lautem Geschrei den Bischof. So konnte das Schlimmste verhütet, der Brand rechtzeitig unter Kontrolle gebracht und viele Menschen vor dem sicheren Tod gerettet werden. (Spätere Versionen, die davon berichten, der Affe hätte die Stadt vor einem herannahenden Katharerheer gewarnt, sind schlichtweg erfunden und erlogen.)

Der Bischof änderte seine Meinung über den Affen und wurde ihm überaus gewogen, ließ ihn angemessen kleiden, bei Tische speisen und in seinem Bett schlafen, und gewann ihn schließlich so herzlich lieb, daß er ihn zum Abt eines der Klöster in der Umgebung machte. Der Affe verwaltete die Güter des Klosters außerordentlich gut, so daß sie wuchsen und gediehen, und stand bei Jedermann in hohem Ansehen. Der einzige Makel, den man ihm nachsagte, war, daß er sich zu oft am Messwein berausche und bisweilen morgens schnarchend im verwüsteten Refektorium aufgefunden wurde.

Als der Bischof von Tours etliche Jahre später Papst wurde, sprach er den braven Affen, der inzwischen verschieden war, sogar heilig: Als St. Simianus ging dieser in den Heiligenkalender der römischen Kirche ein. (was allerdings der nächste Papst, der Affen gegenüber weniger gewogen war, sofort nach seinem Amtsantritt revidierte.) Doch noch heute schmückt das Fresko des heiligen Affen im Mönchsgewand das Portal der Kathedrale von Tours.


Darstellung St.Simians neben der eines nicht näher bestimmbaren Königs an der Kathedrale von Tours.