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Das kleine Lexikon der Photopsychologie

Lexikon der psychologischen Auswirkungen der Fotografie auf den menschlichen Geist



Fotografieren macht wahnsinnig - Sie wussten es schon immer, nun auch schwarz auf weiss:


Apparatewahnsinn, seine Erscheinungsformen, Auswirkungen und andere neurophysiologische Effekte der Fotografie und die von ihr verursachten Krisen

INDEX





Das Daguerre Virus



Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse haben ergeben, dass der Drang des Menschen, seine Umgebung abzubilden, auf der Infektion mit einem archaischen Virus unbekannten Ursprungs beruht. Erst kürzlich konnte dieser Virus mithilfe der Quantenanomaliemethode nachgeweisen werden. Bezeichnenderweise existiert das Virus nur virtuell zwischen zwei Quantenzuständen, so dass es mit traditionellen Mitteln, z.b. Elektronenmikroskop, nicht auffindbar war. Außerdem hat niemand jemals nach ihm gesucht.


Dieser zu Ehren des ersten Erkrankten als Daguerre-Virus bezeichnete Erreger befällt das Gehirn und wartet nur auf seine Chance, aktiv zu werden. Schätzungsweise 85% der Weltbevölkerung sind infiziert, bei nahezu jedem bricht die Krankheit irgendwann aus. Die Erkrankung ist grundsätzlich unheilbar, nimmt jedoch beim Großteil einen harmlosen, unauffälligen Verlauf.


Interessanterweise mußte das Virus ca. 4 Milliarden Jahre warten, bis es zum ersten Mal aktiv werden konnte. Doch dann atmete es auf und verbreitete sich epidemisch. Infektion geschieht durch direkten Kontakt mit Betroffenen oder deren visuellen Absonderungen.


Die Krankeit selbst kennt mehrere Stadien. Im ersten, direkt nach Ausbruch der Krankheit, treten Symptome wie Spass an der Sache, kindliche Freude, Spiel- und Experimentiertrieb auf. Diese klingen nach ein paar Tagen bis Monaten wieder ab, in Folge verläuft die Krankheit häufig unauffällig.

Bei etwa 85% der Befallenen kommt es zu einer durch das Virus verursachten irreparablen Schädigung des visuellen Cortex, durch die die Erkrankten die Fähigkeit verlieren, sich ohne Hilfe von Fotografien an Ereignisse ihres Lebens adäquat zu erinnern.


Nur in verhältnismäßig wenigen Fällen tritt die Erkrankung danach in ihr zweites Stadium ein, welches sich durch suchtartige Symptome äußert, die bei manchen Menschen einen angsteinflössenden Umfang annehmen können. Ähnlich der Tollwut werden die Betroffenen von einem unwiderstehlichen Drang beherrscht, fotografische Bildnisse anzufertigen, wovon auch immer. Sie wissen in dieser Phase nicht warum und wozu, sie tun es einfach.


Nachdem die durch Phase 2 verursachten Verwirrungszustände abgeklungen sind, tritt die Erkrankung in ihr letztes Stadium. Phase drei ist dadurch gekennzeichnet, dass sich das Gehirn allmählich eine Theorie zurechtlegt, warum es fotografieren muss. Es kommt dabei zu einer Rationalisierung der Symptome, infolge derer diese als sinnstiftend und produktiv empfunden werden. Damit ist die absolute Abhängigkeit an das Virus vollendet, es beherrscht nunmehr die gesamte Person mit Leib und Seele.
Manche behaupten, sie verdienten Geld durch ihre Tätigkeit, in Wahrheit ernähren sie jedoch nur den Wirt des Virus, nämlich sich selbst, und tragen gleichzeitig zur epidemischen Verbreitung bei. Andere führen abstruse ästhetische Argumente an, Kennzeichen der schweren, krankheitsbedingter cerebralen Läsionen, die das Virus verursacht.

Häufig anzutreffen ist die Wahnvorstellung, dass die technischen Geräte, die man zu Anfertigung der fotografischen Bilder benötigt, verehrungswürdig seien. Führt oft zur Anhäufung von Reliquien, die entweder in Vitrinen verwahrt oder zwanghaft mit sich herumgeschleppt werden müssen. Siehe auch
Label-Identifizierungs-Syndrom, apparative Hypertrophie und apparativer Messianismus.


Der ganze Vorgang des Fotografierens ist übrigens hochgradig ritualisiert. Dies zu erläutern würde im Rahmen dieser Abhandlung jedoch zu weit führen. Verwiesen sei lediglich auf die Rituale des Hinkniens oder Abstützens oder dem ehrfurchtsvollen Gebrauch künstlicher Prothesen (Stative) oder heiliger, blitzartig aufflammender Lichter, um die Umgebung zu illuminieren. Früher kam noch ein nur eingeweihten vertrautes Mysterium dazu, in welchem sich der Adept meist allein in eine verdunkelte Kammer zurückzog, um seine Bilder ans Licht zu bringen (Photogenese). Wurde im Computerzeitalter abgelöst durch Sitzen vor durchweg hässlichen Kästen, in welche man die Bilder transferiert, und in welche man hypnotisch hineinstarrt, um seiner visuellen Absonderungen ansichtig zu werden. Erstaunlicherweise verlassen die meisten Bilder diese Kästen niemals wieder. Die Bilder existieren nur noch virtuell, möglicherweise mutiert hier das Virus zu einer höheren Form.





Das Post-Shutter Syndrom



Das Post-Shutter-Syndrom ist die unmittelbare Folge der Unfähigkeit des vom Daguerre-Virus befallenen Gehirns, die Diskrepanz der tatsächlich entstehenden Ergebnisse zu den Erwartungen im Augenblick der Auslösung des Kameraverschlusses zu verarbeiten. Die Fotos, die man macht, entsprechen nicht denen, die das Gehirn einem suggeriert hat. Dies führt zu einer Krise, in etwa entsprechend der Pubertät, und ist im Grunde nichts anderes als ein fotografischer Reifungs- und Adoleszenzprozess, der zum letzten Stadium der Krankheit der Fotografie führt, in dem die anfänglichen Symptome immer mehr abklingen. Normalerweise reagiert das Gehirn darauf, indem es Ambitionen erzeugt und das Individuum anspornt, einfach bessere Bilder zu machen.

Ist das Gehirn jedoch, z.B. infolge falscher Erwartungen oder Beeinflussung von außen, dazu nicht willens oder in der Lage, die Krankheit jedoch bereits zu weit fortgeschritten, beginnen die auf das Erzeugen von Bildern vorbereiteten höheren visuellen Regionen der Großhirnrinde allmählich (oft irreparabel) zu verkümmern, während die für die Tätigkeit des Fotografierens gebildeten motorischen Synapsen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Ebenfalls erhalten bleibt der drangvoll empfundene Wunsch, Bilder zu machen. Das führt zu einem zwanghaften Herumtragen und Benutzen von fotografischer Ausrüstung, ohne dass das Gehirn noch in der Lage wäre, die entstehenden Bilder visuell adäquat zu verarbeiten. Lediglich die rudimentären reizverarbeitenden Mechanismen der Sehrinde bleiben erhalten, und die betroffenen Personen entwickeln aufgrund der entstandenen Läsionen eine abnorme Vorliebe für Schärfe und Kontrast (Hyperakribie), einen Hang zu alarmierend kräftigen Farben (Hyperchromie), und die starke Neigung nur einfache, konkret bennenbare Gegenstände abzubilden: Haus, Auto, Katze, Sonnenuntergang... Im Grunde eine Regression auf frühkindliche Erinnerungen an die Bilderbücher, die prägend wirkten.

Wenn jetzt das Gehirn in dieser Weise die Verbindung der vom Betroffenen erzeugten Bilder (Haus, Auto, Katze, Sonnenuntergang) mit frühkindlichen Glückgefühlen herstellen kann, verschwindet das Post-Shutter-Syndrom von selbst. Ist dies nicht der Fall, kommt es in nahezu allen Fällen zum Auftreten des
Meliorisierungssyndroms.





Das Meliorisierungssyndrom




Wenn man für sich eine Kaufentscheidung trifft, z.b. für ein bestimmtes und gegen ein anderes Kamerasystem, oder aus Unzufriedenheit von einem Kamerasystem zum anderen wechselt, dann wird das (vom Daguerre-Virus befallene) Gehirn alles tun, um den Verstand auszutricksen und jede Menge Endorphine ausschütten, um den User davon zu überzeugen, dass er nun stolz und glücklich sein kann. Fehler und Mängel an seinem neuen Besitz erkennen zu müssen, würde das Individuum eventuell in schwere Depressionen und Selbstzweifel stürzen, mit anderen Worten, das biologische Überleben des Organismus (mitsamt Virus) aus absolut idiotischen Gründen gefährden. Das kann das Gehirn nicht zulassen, folglich wird es in einer Abwehrreaktion alles tun, um zu verhindern, dass sich der Betroffene der Wahrheit bewußt wird. Dazu gehört das falsche Verarbeiten und Fehlinterpretieren von visuellen Signalen ebenso wie die Produktion von LSD-ähnlichen Substanzen im Stammhirn. Liegen diese Symptome vor, spricht man in Fachkreisen vom "Meliorisierungssyndrom".


Häufig sind Internet-Tauschbörsen oder Basare eine Möglichkeit für das Individuum, den immensen moralischen Druck der Systemtreue (s.Label-Identitäts-Syndrom) zeitweise aufzuheben, und völlig anonym den Apparatewahnsinn durch Promiskuität und Polycamie ausleben zu können. Mehr oder weniger gesellschaftlich akzeptiert.


Die radikalste Option ist jedoch, dass das Gehirn sich dafür entscheidet, im endokrinen System Antikörper zu bilden, um die derzeitige Fotoausrüstung, die ja im Grunde nichts anderes ist als eine projizierte, prothetische Verlängerung des Egos, abzustossen und gegen eine andere zu ersetzen. Man spricht dann von suggestiv initiierter, projektionsbezogener Autoamputation. Dann geht das Ganze gewöhnlich von vorne los.


Kürzlich konnte die Ursache des Meliorierierungssyndroms herausgefunden werden: Es ist eine mögliche Folge des "Post-Shutter-Syndroms".





Apparative Hypertrophie




Ebenfalls eine gravierende, jedoch im Normalfall harmlose, oft mit dem Post-Shutter-Syndrom einhergehende Erscheinung ist die sogenannte apparative Hypertrophie. Hierbei führt das durch die Unzufriedenheit mit den eigenen Bildern hervorgerufene Frustrationsgefühl zu einem Ungleichgewicht der Neurotransmitter im Neocortex, die in einer Wechselwirkung mit dem Hirnstamm dazu führt, dass die betroffenen Personen unkontrolliert immer mehr schwereres und teureres Fotozubehör zusammenkaufen, ohne es sinnvoll einsetzen zu können. In Einzelfällen kann apparative Hypertrophie zu Bandscheibenschäden führen, häufiger zu nachlassender Prosperität. Im Grunde ist apparative Hypertrophie eine nach außen gekehrte, die biologischen Komponenten des fotografischen Systems nicht in Mitleidenschaft ziehende Form der Akromegalie. Man vermutet als Ursache eine Störung der Hypophyse.






Das postmigrative Systemtrauma




Gelegentlich kommt es bei besonders disponierten Personen nach einem Systemwechsel zu einer unzureichenden Endorphinproduktion im Gehirn, was bedeutet, dass das Glücksgefühl den Zweifel nicht vollständig zu unterdrücken vermag. In schweren Fällen führt dies zu einer Erscheinung, die am besten mit dem Begriff "postmigratives Systemtrauma" zu beschreiben ist. Es handelt sich hier um eine schwerwiegende Variante des Meliorisierungssyndroms, die dazu führt, dass der betroffene User ständig zwanghaft sein Kamerasystem mit konkurrierenden vergleichen muss. Sobald er den Eindruck hat, dass andere etwas Besseres als er haben könnten, wird sein Geist von quälender Unruhe geplagt. Er hat Schlafstörungen, leidet unter Appettitlosigkeit, depressiven Stimmungen, verliert eventuell sogar vorübergehend den Geschmacks- und Geruchssinn. Normalerweise versucht das Gehirn, dies zu durch die Abstoßung der alten Fotoausrüstung (siehe Meliorisierungssyndrom) zu verhindern, aber aufgrund derselben Disposition, die die unzureichende Produktion von Endorphinen verhindert, wird auch die Bildung dieser Antikörper verhindert. Der bedauernswerte Betroffene befindet sich also in einem unlösbaren paradoxen Spannungszustand, in dem ihn das augenblickliche Kamerasystem nicht mehr glücklich machen, die Abstoßung jedoch ebenfalls nicht möglich ist. In noch nicht vollständig geklärten biochemischen Prozessen werden dabei offenbar größere Mengen von Adrenalin in der Nebennierenrinde produziert. Das Gehirn reagiert, indem es dem Bewußtsein suggeriert, sämtliche anderen Kamerasysteme wären schlechter als das eigene, das heißt, alle anderen Kamerabesitzer seien noch unglücklicher dran als man selbst.


Eine interessante Konstellation ergibt sich stets, wenn ein am postmigrativen Systemtrauma Erkrankter mit vom Meliorisierungssyndrom Betroffenen zusammentrifft.


Manchmal erfahren die P.S.-Patienten echte Erleichterung, indem sie sich in Zirkeln und Gemeinschaften ihres früheren fotografischen Systems (s.a. Label-Identifizierungs-Syndrom) negativ über jenes auslassen, um die anderen, mehr oder weniger glücklichen Leute dort zu verunsichern oder zu ärgern. Bei religiös veranlagten Personen kann es gelegentlich sogar zu Bekehrungsversuchen kommen. Solche Leute werden im Jargon der Internetforen und Newsgroups unpassenderweise als "Trolle" bezeichnet, da man ihnen unterstellt, es ginge ihnen nur darum, Unruhe zu stiften. Das ist natürlich falsch. Trollerei ist lediglich eine Folge des postmigrativen Systemtraumas, und die davon Betroffenen handeln zwanghaft, ohne dass ihnen ihre Handlungsweise bewußt würde. Würden die anderen Forenteilnehmer dies jedoch erkennen, so müßten sie ebenfalls erkennen, dass sie selbst vom Meliorisierungssyndrom befallen sind. Das Gehirn wird dies jedoch zu verhindern wissen.


Ein vom postmigrativen Systemtrauma Betroffener befindet sich also augenblicklich zwischen zwei Systemwechseln, er weiß es nur nicht.


In gewisser Weise befindet sich der an P.S. Leidende weitaus weniger in einem irrealen Traum- oder Rauschzustand als der am Meliorierungssysndrom Leidende. Er ist der Realität näher, jedoch unfähig, sie zu verarbeiten, und greift darum zur Kompensation seines Ungücklichseins zu Ersatzhandlungen, z.b. der Anschaffung immer mehr oder immer teureren und schwereren Fotozubehörs ( --> apparative Hypertrophie).





Apparativer Messianismus




Apparativer Messianismus liegt dann vor, wenn sich an noch nicht auf dem Markt befindlichen, nichtexistenten, lediglich erwarteten Kameramodellen irrationale quasireligiöse Heilserwartungen festmachen. A.M. äußert sich darin, dass die bessere Kamera mit Inbrunst erwartet, herbeigesehnt und manchmal auch herbeidiskutiert wird. Bezeichnend ist, dass diese Kamera immer hypothetisch, jedoch niemals greifbar ist, dies unterscheidet A.M. vom Meliorisierungssyndrom.


Wichtigstes Kennzeichen ist, dass sich die Betroffenen niemals die Frage stellen, was sie mit dieser messianischen Kamera konkret machen wollen. Im Gegenteil richten sich die Hoffnungen darauf, von der Kamera irgendwie von den unbefriedigenden Bildern erlöst zu werden. Folgerichtig ist A.M. ein Phänomen, von dem ausschließlich bereits am Post-Shutter-Syndrom leidende Personen befallen werden.


Die von A.M. Betroffenen treffen sich häufig in virtuellen Räumen, um in gebetsmühlenartigen Litaneien ihren Erlöser herbeizubeschwören. Gelegentlich kann es dabei zu hysterischen Zuständen kommen, in denen die Betroffenen davon überzeugt sind, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen. Trancezustände und Visionen sind keine Seltenheit, verbreitet ist die intensive Beschäftigung mit Mantik, wichtigstes Medium ist das Gerücht.
A.M. ist immer ein Gruppenphänomen, isolierte Personen sind so gut wie nie davon betroffen.





Das Label-Identifizierungs-Syndrom




Gelegentlich beginnen sich vom Virus der Fotografie Befallene mit ihren Gerätschaften zu identifizieren. Interessanterweise hat das Gerät materialiter und an sich nur die Stellvertreterfunktion eines Kultbilds, es symbolisiert lediglich das Objekt der eigentlichen Verehrung. Dieses ist, ähnlich Gott, abstrakt und ungreifbar, wird jedoch mit dem Markennamen, der vorne auf das Gehäuse geprägt ist, identifiziert und durch ihn angerufen.
Es handelt sich dabei um die typische Projektion eines Überichs in Form eines patriarchalischen, gesichtslosen, rudimentären Vaterbildes. Eine direkte Anbetung findet nicht statt, der Kult findet eher innerhalb geschlossener Gruppen statt und wird vorwiegend im WWW innerhalb virtueller Kulträumen praktiziert. Wichtigster Aspekt ist das ausgeprägte Gemeinschaftsgefühl, das sinnstiftende Funkion hat und den am Daguerre-Virus Erkrankten oft über seine für ihn unbefriedigenden fotografischen Ergebnisse hinwegtrösten kann





Die prämigrative traumatische Krise




Es gibt Fälle, in denen das Meliorisierungssyndrom bei vom Post-Shutter-Syndrom Betroffenen aus unerfindlichen Gründen nicht einsetzt, bzw. fehlschlägt und den gegenläufigen Effekt hat. Die Patienten sind mit ihrer fotografischen Ausrüstung nicht mehr glücklich, sind aber zugleich emotional auf sie fixiert, da der Besitz und Gebrauch lange genug gedauert hat, um eine Prägung enstehen zu lassen. Dies erzeugt eine ernste Krise, in der die Betroffenen von einem wahren Wechselfieber aus heftigen Unglücksgefühlen, unkontrollierbar heftigem erotischen Verlangen nach einer neuen Kamera und gleichzeitigen irrationalen Schuldgefühlen gequält werden. Der Erkrankte befindet sich unmittelbar vor einem Aufstocken seiner fotografischen Reliquiensammlung oder einem Systemwechsel.

Die prämigrative traumatische Krise ist oft gleichzeitig der Auslöser für und das Anfangsstadium der als apparativem Messianismus bezeichneten Störung.





Apparative Agnosie




Mit apparativer Agnosie bezeichnet man die Unfähigkeit, sich der tatsächlichen oder eingebildeten Mängel, Vorzüge oder Eigenschaften seines fotografischen Geräts bewußt zu werden, solange alles nur irgendwie funktioniert.


Die negativen Auswirkungen von A.A. auf die tatsächlichen fotografischen Ergebnisse werden in der Regel überschätzt. Im Gegenteil bewirkt der Umstand, dass die unter A.A. Leidenden völlig immun gegen Phänomene wie die prämigrative Krise oder das manische Testfieber sind, oft eine gewisse Unbeschwertheit und Unbelastetheit beim Fotografieren, die sich positiv auf das kreative Potential der Bildergebnisse auswirken kann, aber nicht muss.


A.A. und das Meliorisierungssyndrom scheinen in Wechselwirkung zueinander zu stehen, bzw. sich gegenseitig auf noch zu erforschende Art und Weise zu bedingen.





Manisches Testfieber




Das manische Testfieber ist eine den visuellen Cortex befallende akute Infektion des fotografischen Sehens, oft ausgelöst durch mangel- oder fehlerhafte Produkte der Fotoindustrie. M.T. ist hochgradig infektiös und kann sich innerhalb weniger Stunden epidemisch ausbreiten.


M.T. ist ein dem Meliorisierungssyndrom ähnliches, jedoch antagonistisch wirkendes Syndrom, das, einmal ausgebrochen, nur schwer zu heilen ist. Der Ausbruch erfolgt meistens akut, indem dem Betroffenen plötzlich bewußt wird, dass Teile seiner Fotoausrüstung oder diese als Ganzes alles andere als perfekt ist. Diese Erkenntnis wirkt meist wie ein Schock und stürzt den Betroffenen zunächst in eine mehr oder weniger schwere manisch-depressive Krise, in der er in einer Abwehrreaktion abwechselnd versucht, diese Erkenntnis zu verarbeiten oder zur unterdrücken. Manchmal heilen die Symptome ab, ohne erkennbare Folgen zu hinterlassen, oft verläuft M.T. jedoch chronisch.


Die Symptome des M.T. sind folgende: Die Betoffenen entwickeln eine merkwürdige Neigung zu planen Objekten, begeben sich zu Orten mit exponierten Hausfassaden oder Ziegelwänden, oder lichten Bücherregale oder temporär als Wandschmuck missbrauchte Tageszeitungen ab. Danach folgt zwanghaft die forensische Auswertung der Bildergebnisse, die Stunden, Tage oder auch Wochen in Anspruch nehmen kann. In dieser Zeit erlahmt jede andere fotografische Tätigkeit. Da Abbildungsfehler gesucht werden, wird das Gehirn darauf konditioniert, solche mit immer raffinierteren Methoden aufzufinden, was in einem endlosen Teufelskreis enden kann, in welchem Produkte an den Hersteller oder Händler zurückgeschickt, repariert und justiert, ausgetauscht, verkauft, verschenkt, einfach weggeworfen oder final in Vitrinen entsorgt werden. All diese Methoden, den seelischen Schmerz zu kompensieren, sind meist pure Zeitverschwendung, da die Probleme in der Regel tatsächlich vorhanden und in unabänderlichen technischen, physikalischen oder ökonomischen Rahmenbedingungen verursacht sind (Die Hersteller von fotografischen Artikeln sind eher daran interessiert, das Meliorisierungssyndrom der Betroffenen auszubeuten als einwandfreie Produkte zu liefern).


Einzig Personen, die völliges Desinteresse an technischer Bildqualität zeigen, scheinen gegen M.T. immun zu sein.


M.T. kann zur prämigrativen Krise führen, verläuft oft genug jedoch gemäßigter, so dass nicht das System an sich oder der Hersteller an sich gewechselt werden (was meist nichts bringt, s.o.), sondern nur die einzelnen Ausrüstungsgegenstände. Vom M.T. Betroffene haben also, ungeachtet ihrer seelischen Qualen, eine viel positivere Einstellung zu den ganzen Problemen, die sie ohne das Fotografieren gar nicht hätten, was für die Behandlung von Bedeutung sein kann.


Die Symptome des M.T. klingen normalerweise ab, wenn das Meliorisierungssyndrom zum Ausbruch kommt. Und es wird unweigerlich zum Ausdruck kommen, sobald die kritischen Instanzen des Neocortex vom M.T. irreparabel geschädigt sind oder einfach nur kapitulieren.


Die durch das Meliorisierungssyndrom verursachte vermehrte Ausschüttung von Endorphinen bewirkt eine plötzliche Umkehrung der durch das M.T verurachten Symptome, die sich in einer plötzlich eintretenden oder sich langsam entwickelnden apparativen Agnosie äußern, durch welche die tatsächlichen Mängel der Fotoausrüstung unterdrückt, ihre positiven Eigenschaften über das tatsächliche Leistungsvermögen hinaus herausgestellt werden.




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