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Der Agent im Hinterstübchen

(frei nach John Le Carre)



Zur Zeit des kalten Krieges ereignete sich in einem westlichen Geheimdienst folgende folgenschwere Geschichte, die natürlich streng geheim ist, und nie an die Öffentlichkeit gelangen darf. Wir veröffentlichen sie trotzdem. Jeder, der nun weiterliest, gibt automatisch seine Einwilligung zur absoluten Verschwiegenheit und verpflichtet sich, mit niemandem über die Dinge, über die er hier Kenntnis erlangt hat, jemals zu sprechen.


Besagter Geheimdienst wurde damals von einem Chef geleitet, wir nennen ihn kurz und bündig "George", der an mehreren schweren Neurosen litt und zudem auch noch paranoid veranlagt war. Dies ist im Eigentlichen nichts Ungewöhnliches, jeder Geheimdienstmitarbeiter muss ja naturgemäß paranoid und neurotisch sein, um seinen Beruf überhaupt ausüben zu können. In diesem Falle jedoch waren die Folgen fatal, denn "George" litt an einer sehr seltenen Form multipler Persönlichkeiten. Das wäre mit Sicherheit aufgefallen. Dummerweise waren sich beide Spaltpersönlichkeiten zum Verwechseln ähnlich. Kurz gesagt, Persönlichkeit eins war genauso argwöhnisch, pedantisch, langweilig und scharfsinnig wie Persönlichkeit zwei. Der einzige Unterschied zwischen ihnen war, dass die eine nicht das Geringste von der anderen wußte. Außerdem teilten sich beide Persönlichkeiten dieselbe Identität als Geheimdienstchef.


Aber beginnen wir der Reihe nach. Es fing damit an, dass "George" untrügliche Hinweise auf einen Maulwurf, also einen Doppelagenten, in den eigene Reihen witterte. Er hatte keinerlei Beweise, es war lediglich sein Instinkt, der ihn warnte. Er fühlte sich beobachtet. Da er niemanden ins Vertrauen ziehen konnte, begann er im Geheimen ein zweites Agentennetz aufzubauen, welches den Maulwurf enttarnen sollte. Dazu ließ er jeden seiner Mitarbeiter und Agenten durch die Agenten seines zweiten Netzes permanent beschatten.


Der Plan, den er hatte, war brillant, und er hätte vermutlich auch funktioniert, wenn er denn nicht einen gravierenden Fehler gehabt hätte. Es gab nämlich gar keinen Maulwurf. "George" war durch seinen Beruf zufällig seiner eigenen Persönlichkeitsstörung auf die Spur gekommen. Die dunkle Gestalt, die er verfolgte, war nichts anderes als sein Alter Ego, seine eigene Spaltpersönlichkeit.


"George" hatte also zwei Agentennetze aufgebaut, die im Prinzip nichts anderes taten, als sich gegenseitig zu bespitzeln, ohne, dass sie je in der Lage gewesen wären, jemals ein brauchbares Ergebnis zu liefern. Der große Unbekannte blieb der große Unbekannte, und er wurde nie enttarnt, da "Georges" Unterbewußtsein ja die Wahrheit kannte, und beide Spaltpersönlichkeiten gleichermaßen mit Ahnungen und Vermutungen fütterte, so dass die eine der anderen immer einen Schritt voraus war. Kurz und gut, es sah alles danach aus, dass es sich nicht nur um einen Doppelagenten handelte, sondern es schien ein ganzes Heer dieser Maulwürfe zu geben. In seiner Verzweiflung begann "George", ein drittes Agentennetz aufzubauen, um seinen Gegnern endlich einen Schritt voraus zu sein. Das misslang allerdings, da ein feindlicher Geheimdienst, dem diese Aktivitäten nicht verborgen geblieben waren, mittlerweile einen wirklichen Doppelagenten in seine Organisation eingeschleust hatte. Und damit wird es nun wirklich kompliziert.


Der Chef des gegnerischen Nachrichtendienstes, wir nennen ihn "Karlow", war nämlich misstrauisch geworden, da ihm Informationen über einen Doppelagenten zugespielt wurden, von dessen Existenz er keine Ahnung hatte. Obwohl er es eigentlich hätte wissen müssen, da dieser Doppelagent schließlich für ihn, "Karlow", arbeitete. Zunächst hielt "Karlow" das Ganze für eine Finte, doch diese Erklärung ergab keinen Sinn. Viel plausibler war, dass sein eigener Agentenring gegen ihn intrigierte (Was übrigens rein zufällig stimmte). Also entschloss sich "Karlow" seinerseits zu einer Finte, einem riesigen Bluff, indem er einen Phantomagenten erfand, der gar nicht existierte, um seinerseits Verwirrung zu stiften (was kaum erforderlich war), und um sich andererseits einen Vorteil zu verschaffen. Jedenfalls hoffte er das.


Das Ganze lief über eine Dekade lang und es ist überflüssig zu sagen, dass der Spuk Unsummen an Steuergeldern verschlang. Immerhin hielt er aber mehrere Geheimdienste auf Trab, und hinderte sie vielleicht daran, anderweitig größeren Schaden anzurichten. Vielleicht auch nicht.


Die Sache endete schließlich, als "George" unter tatsächlicher Demenz zu leiden begann, die sich in massiven Erinnerungstörungen äußerte. Er begann Fehler zu machen, und vergaß geheime Notizen auf seinem Schreibtisch, wo sein anderes Ich diese vorfand. Dies steigerte seine Paranoia ins Unermessliche. Schließlich brachte er alles durcheinander, und traf Anstalten, sich jenseits des eisernen Vorhangs abzusetzen. Vermutlich glaubte er, dass er, im eigenen Lager nur noch von Feinden umgeben, nur noch dem Feind trauen konnte. Dort empfing man ihn mit offenen Armen, denn man hielt ihn für "Karlows" Phantomagenten. (Sein Überlaufen führte übrigens dazu, dass "Karlow" wegen Hochverrats erschossen wurde. Warum, weiß niemand so genau. Vielleicht hoffte irgendjemand, die Affäre damit zu entkomplizieren.) Die Auswertung von "Georges" Informationen, die er im Verhör preisgab, dauerte Jahre, obwohl sich ein ganzes Heer von Spezialisten ihrer annahm, und ist vermutlich bis heute noch nicht abgeschlossen. "George" konnte nie - freiwillig oder unfreiwillig - sein Geheimnis preisgeben, da er kurze Zeit später in seinem Exil bei der Jagd von einem vermeintlich erlegten Zobel in den Finger gebissen wurde und daraufhin an Blutvergiftung starb.

Der "große Unbekannte" und sein Agentenetz werden jedoch heute noch gejagt. Es gibt keine Anzeichen, dass das Phantom seine Aktivitäten eingestellt hat. Im Gegenteil.